Kapitel 1

Der verregnete Abschied

Von Holger Lemke, veröffentlicht am 17.07.2026

Der Regen hat aufgehört, richtig zu fallen. Er hängt jetzt in der Luft, ein feiner Nebel, der sich auf alles legt. Auf meine Jacke, auf die Bank, auf die Anzeigetafel, deren Lichtpunkte in der Feuchtigkeit verschwimmen. 21:47. Der Zug hat schon zwanzig Minuten Verspätung.

Ich schiebe die nassen Finger in die Jackentasche. Der Stoff ist dünn, ich hätte etwas Wärmeres einpacken sollen. Aber ich wollte nicht mehr zurück in die Wohnung, nicht noch einmal den Flur entlanggehen, an den geschlossenen Türen vorbei. Ich habe den Schlüssel unter die Matte gelegt, wie ich es mir vorgenommen hatte. Ein Punkt auf einer Liste, die ich abarbeite, seit ich den Entschluss gefasst habe.

Der Bahnsteig ist leer. Nur ich und das leise Zischen der Oberleitung. In einer halben Stunde bin ich in der nächsten Stadt, in einer Stunde in einer, deren Namen ich nicht auswendig kenne. Ich will keine Straßen mehr, in denen mich jeder Blick an etwas erinnert, das ich vergessen will. Keine Bäckerei, in der die Verkäuferin fragt, wie es meiner Mutter geht. Keine Gesichter, die zu viel wissen.

Ich atme aus und sehe, wie der Atem in der Kälte einen Moment sichtbar bleibt. September. Der Sommer hat sich davongemacht, ohne dass ich es gemerkt habe.

Meine Hand liegt auf dem feuchten Holz der Bank. Die Farbe blättert an den Kanten, darunter kommt graues, rissiges Holz zum Vorschein. Ich will sie gerade wegziehen, als meine Finger an etwas stoßen. Ein Widerstand, der nicht zur Bank gehört.

Ich drehe den Kopf.

Ein Buch. Es liegt halb unter meinem Oberschenkel, als hätte jemand es dort vergessen und wäre gegangen, ohne sich umzudrehen. Der Einband ist dunkel, vielleicht einmal blau gewesen, jetzt verwaschen und an den Ecken abgestoßen. Kein Titel. Kein Autor. Ich nehme es in die Hand. Das Papier fühlt sich weich an, als wäre es oft angefasst worden.

Ich sollte es liegen lassen. Fundbüro, morgen früh, wenn der Schalter besetzt ist. Aber der Zug kommt in ein paar Minuten, und ich werde nicht mehr hier sein.

Ich schlage es auf.

Der Geruch steigt mir sofort in die Nase. Alt, aber nicht muffig. Eher wie der Dachboden meiner Großmutter, bevor sie starb. Trocken und ein bisschen süß. Die Seiten sind vergilbt, an den Rändern brüchig. Und zwischen Seite vierundzwanzig und fünfundzwanzig liegt eine Rose.

Gepresst. Flach wie Papier, aber die Farbe ist noch da. Ein dunkles Rot, das an den Blatträndern ins Braune übergeht. Der Stiel ist abgebrochen, nur ein kurzer Dorn ist geblieben, der sich in der Seitenfalte verhakt hat. Ich berühre die Blüte mit dem Zeigefinger. Sie fühlt sich an wie getrocknete Haut.

Darunter, auf der Seite selbst, steht eine Handschrift. Blaue Tinte, die an manchen Stellen verlaufen ist, als wäre jemand mit dem Finger darübergefahren, bevor sie trocken war.

Ich lese.

„Du wirst mich nicht suchen, und ich werde dich nicht finden. Aber wenn du das hier liest, dann weißt du, dass es mich gibt. Dass es mich gegeben hat. Behalt die Rose. Sie ist alles, was ich dir lassen kann."

Kein Datum. Kein Name. Nur die Worte, die jetzt in meinem Kopf hängen bleiben wie der Nebel in der Luft.

Ich lese sie noch einmal. Und noch einmal. Beim dritten Mal merke ich, dass ich die Rose zwischen Daumen und Zeigefinger halte und sie gegen das Licht der Bahnhofslampe hebe. Das Rot leuchtet kurz auf, als würde es von innen erwärmt.

Jemand hat dieses Buch hier vergessen. Jemand hat diese Rose hineingelegt und diese Worte geschrieben, für jemand anderen. Und jetzt sitze ich hier, mit nassen Fingern und einem Zug, der nicht kommt, und halte etwas in der Hand, das nicht für mich bestimmt ist.

Die Anzeigetafel flackert. 21:52. Immer noch Verspätung.

Ich klappe das Buch zu und presse es gegen meinen Bauch. Der Einband ist kühl, aber darunter spüre ich die Wärme meiner eigenen Hand. Ich will es zurücklegen. Ich will es mitnehmen. Beides gleichzeitig, und beides fühlt sich falsch an.

Mein Blick wandert den Bahnsteig entlang. Die Lampen werfen gelbe Kreise auf den nassen Asphalt, und zwischen den Kreisen liegt Dunkelheit. Am Ende des Bahnsteigs, wo die Überdachung aufhört und der Regen ungehindert fällt, steht eine Gestalt.

Ich sehe sie erst jetzt. Vielleicht war sie vorher nicht da. Vielleicht habe ich nur nicht hingesehen.

Ein Mann. Er steht regungslos, die Hände in den Taschen, den Kragen hochgeschlagen. Der Regen tropft von der Kante des Vordachs auf seine Schultern, aber er scheint es nicht zu bemerken. Sein Gesicht liegt im Schatten, nur die Umrisse sind zu erkennen. Schultern, die gerade Linie des Kiefers, dunkles Haar, das an der Stirn klebt.

Er sieht mich an. Ich bin sicher, dass er mich ansieht. Nicht den Zug, nicht die Anzeigetafel, nicht die Uhr. Mich.

Ich presse das Buch fester an mich. Die Kante des Einbands drückt gegen meine Rippen, und ich spüre den Dorn der Rose durch das Papier. Ein kleiner, stumpfer Punkt.

Der Mann bewegt sich. Langsam, als hätte er alle Zeit der Welt. Seine Schritte sind auf dem nassen Asphalt kaum zu hören, nur ein leises Schaben, das näher kommt. Ich bleibe sitzen. Meine Beine sind schwer, als hätte der Regen sie am Boden festgefroren.

Er bleibt drei Meter vor mir stehen. Das Licht der Lampe fällt jetzt auf sein Gesicht. Jung, vielleicht in meinem Alter. Die Augen liegen tief, und darunter ist die Haut schattig, als hätte er lange nicht geschlafen. Er sieht das Buch in meinen Händen, und etwas in seinem Gesicht verändert sich. Kein Lächeln. Eher ein Nachlassen von Spannung, wie bei jemandem, der eine Antwort bekommt, bevor er die Frage gestellt hat.

„Du hast es gefunden", sagt er.

Seine Stimme ist leise. Nicht fragend. Feststellend.

Ich antworte nicht. Meine Finger schließen sich fester um den Einband.

Er macht einen halben Schritt vorwärts und bleibt wieder stehen, als hätte er sich selbst zurückgehalten. Der Regen tropft von seinem Kragen auf den Asphalt zwischen uns.

„Ich wusste, dass du heute hier bist", sagt er. „Ich wusste es, bevor du es wusstest."

Er hebt die Hand, nicht um nach dem Buch zu greifen, nur eine Geste, die in der Luft hängen bleibt. Die Finger sind lang, die Knöchel gerötet von der Kälte.

„Du hältst meine Zukunft in den Händen", sagt er. „Und ich weiß nicht einmal deinen Namen."

Fortsetzung bewerten

0 Bewertungen · gewichteter Wert 0,00 von 5

Bitte melden Sie sich an, um diese Fortsetzung zu bewerten.

Wie soll die Geschichte weitergehen?

Fortsetzungen nach Beliebtheit sortieren

Die Zukunft in ihren Händen

Ich sehe das Buch in ihren Händen, bevor ich ihr Gesicht erkenne. Der Einband ist dunkler geworden mit den Jahren, das Leder an den Kanten brüchig. Aber ich weiß sofort, dass es das Buch meiner Großmutter ist. Ich würde es unter tausend…

Holger Lemke · 17.07.2026
Bewertung: 0 · 2 weitere Fortsetzungen

Eine Fortsetzung vorschlagen

Sie sind derzeit nicht berechtigt, eine Fortsetzungsidee einzureichen.

Kommentare (0)

Noch keine Kommentare vorhanden.

Zum Kommentieren ist eine Anmeldung erforderlich.

Test Kanal