Kapitel 1
Die Nachricht
Es war einmal eine junge Frau namens Kiki, die bei Regiosucher arbeitete. Tag für Tag entdeckte sie neue Orte, besondere Menschen und Geschichten, die sonst vielleicht niemand bemerkt hätte. Doch an diesem Morgen erschien auf ihrem Bildschirm ein Eintrag, der dort eigentlich nicht hätte sein dürfen.
Kiki ahnte noch nicht, dass eine einzige Entscheidung ihr vertrautes Leben verändern würde. Vielleicht wartete auf sie ein ungelöstes Rätsel, eine große Liebe, eine Reise in eine fremde Welt oder etwas, für das es noch keine Erklärung gab.
Sie atmete tief durch, öffnete den unbekannten Eintrag – und ihre Geschichte begann.
Kapitel 2
Der Eintrag ohne Absender - Urban-Fantasy
Auf dem Bildschirm erschien keine Beschreibung, keine Adresse und kein Foto. Stattdessen sah Kiki eine Karte von Baden-Württemberg. Feine goldene Linien verbanden Karlsruhe mit Pforzheim, dem Enzkreis und dem Landkreis Calw. An mehreren Stellen pulsierten Markierungen wie kleine Herzen aus Licht.
Über der Karte stand nur ein einziger Satz:
Der erste Anker fällt bei Sonnenuntergang. Finde das Zeichen unter dem steinernen Wächter.
„Natürlich“, murmelte Kiki. „Andere Leute bekommen morgens Werbung für Versicherungen. Ich bekomme Weltuntergang mit Anfahrtsbeschreibung.“
Sie versuchte, den Eintrag zu kopieren. Das Feld blieb leer. Auch ein Bildschirmfoto zeigte lediglich die gewöhnliche Regiosucher-Startseite. Als sie den Mauszeiger über die Markierung in Karlsruhe bewegte, erschien ein Bild der Pyramide auf dem Marktplatz.
Dann öffnete sich eine Nachricht:
Kiki, du hast noch sechs Stunden.
Ihr Lächeln verschwand. Niemand außerhalb ihres engsten Umfelds wusste, dass sie heute im Büro war. Noch beunruhigender war, dass der Eintrag offenbar auf sie reagierte.
Sie hätte den Computer ausschalten und den Vorfall melden können. Das wäre vernünftig gewesen. Kiki hielt viel von vernünftigen Entscheidungen – solange sie nicht im Weg standen.
Sie griff nach ihrer Jacke.
Am frühen Nachmittag erreichte sie den Karlsruher Marktplatz. Straßenbahnen glitten an den klassizistischen Fassaden vorbei, Menschen trugen Einkaufstüten über den Platz, und vor der Pyramide machten Besucher Fotos. Alles sah gewöhnlich aus.
Doch als Kiki näher kam, begann es hinter ihren Augen zu kribbeln.
Auf einer Steinplatte am Fuß der Pyramide erschien ein Zeichen: ein Kreis, durchzogen von vier Linien, die an eine Windrose erinnerten. Das Symbol leuchtete in demselben Goldton wie die Karte.
Niemand sonst schien es zu bemerken.
Kiki ging in die Hocke und berührte den Stein. Für einen Herzschlag verstummte der gesamte Marktplatz. Die Menschen bewegten sich weiter, aber lautlos. Über der Pyramide erhob sich der durchscheinende Umriss eines riesigen Wächters. Sein Körper bestand aus Sandstein, sein Kopf erinnerte an einen Löwen, und in seiner Brust klaffte ein schwarzer Riss.
„Du kannst ihn tatsächlich sehen“, sagte eine Stimme hinter ihr.
Kiki fuhr herum.
Ein junger Mann lehnte an einem Bauzaun, der dort vor wenigen Sekunden noch nicht gestanden hatte. Er war vielleicht Ende zwanzig, hatte dunkles Haar und trug einen langen grauen Mantel, obwohl es dafür viel zu warm war. Um seinen Hals hing ein silberner Anhänger in Form einer zerbrochenen Windrose.
„Sie haben offenbar auf mich gewartet“, sagte Kiki.
„Seit vier Jahren.“
„Das ist entweder sehr romantisch oder ausgesprochen unheimlich.“
Ein flüchtiges Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Mein Name ist Levin. Ich bin ein Hüter der zweiten Karte.“
„Und ich bin Kiki. Ich bin eine Hüterin meiner Mittagspause. Die ist inzwischen deutlich überschritten.“
Levin trat näher. Im selben Moment erlosch sein Lächeln.
„Unter den Orten, die ihr kennt, existiert eine zweite Ebene. Wir nennen sie das Verborgene Land. Jeder Platz, an dem Menschen über Generationen Erinnerungen, Hoffnungen oder Ängste hinterlassen haben, besitzt dort eine andere Gestalt. Manche dieser Orte sind Anker. Gemeinsam bilden sie ein Schutzsystem.“
Er deutete auf die Pyramide.
„Der Stein von Karlsruhe bewahrt die Ordnung. Der Schmuck von Pforzheim lenkt das Licht. Die alten Ruinen im Enzkreis halten die Erinnerung fest. Die Wälder bei Calw schützen die Grenze. Einer dieser Anker wurde bereits beschädigt.“
„Der schwarze Riss im Wächter.“
Levin nickte. „Wenn alle vier Anker fallen, überlagert das Verborgene Land unsere Welt. Nicht alles, was dort lebt, ist freundlich.“
„Und was habe ich damit zu tun?“
„Die Karte hat dich ausgewählt.“
„Karten wählen niemanden aus.“
„Diese schon.“
Kiki sah erneut auf das leuchtende Symbol. Im schwarzen Riss des Wächters bewegte sich etwas. Eine Hand aus Schatten tastete von innen über den Stein.
Plötzlich drehte der Wächter seinen gewaltigen Kopf und blickte direkt auf Kiki herab.
Finde das verlorene Licht, erklang eine Stimme in ihren Gedanken. Bevor der Namenlose es trägt.
Dann brach ein Splitter aus dem unsichtbaren Körper des Wächters. Levin fing ihn auf. Der schwarze Stein zischte in seiner Hand.
Um sie herum kehrten sämtliche Geräusche gleichzeitig zurück.
Kiki richtete sich auf. „Wo finden wir dieses verlorene Licht?“
„In Pforzheim.“
„Natürlich. Wo sonst sollte man verlorenes Licht suchen als in der Goldstadt?“
Levin betrachtete sie überrascht. „Du willst mitkommen?“
„Jemand dringt in meinen Computer ein, bedroht Baden-Württemberg und erwartet offenbar, dass ich einer geheimnisvollen Karte gehorche.“ Kiki strich ihr blondes Haar zurück und lächelte entschlossen. „Ich möchte wenigstens wissen, wem ich dafür die Rechnung schicken muss.“
Hinter ihnen wurde der Riss im steinernen Wächter ein wenig breiter.
Wie soll die Geschichte weitergehen?
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