Kapitel 1

Die Nachricht

Von Holger Lemke, veröffentlicht am 19.07.2026

Es war einmal eine junge Frau namens Kiki, die bei Regiosucher arbeitete. Tag für Tag entdeckte sie neue Orte, besondere Menschen und Geschichten, die sonst vielleicht niemand bemerkt hätte. Doch an diesem Morgen erschien auf ihrem Bildschirm ein Eintrag, der dort eigentlich nicht hätte sein dürfen. Kiki ahnte noch nicht, dass eine einzige Entscheidung ihr vertrautes Leben verändern würde. Vielleicht wartete auf sie ein ungelöstes Rätsel, eine große Liebe, eine Reise in eine fremde Welt oder etwas, für das es noch keine Erklärung gab. Sie atmete tief durch, öffnete den unbekannten Eintrag – und ihre Geschichte begann.

Kapitel 2

Die Karte unter Karlsruhe - Abenteuer

Von Holger Lemke, veröffentlicht am 19.07.2026

Auf dem Bildschirm erschien weder eine Ortsbeschreibung noch eine Veranstaltung. Der Eintrag bestand nur aus einem vergilbten Foto, einer Zahlenfolge und einem Satz: „Wer die sieben Zeichen verbindet, findet, was Baden-Württemberg beinahe vergessen hätte.“ Kiki vergrößerte das Bild. Es zeigte einen Mann vor einer steinernen Treppe. Er trug einen langen Mantel und hielt eine zusammengerollte Karte in der Hand. Hinter ihm waren mehrere Wege zu erkennen, die strahlenförmig auseinanderliefen. „Karlsruhe“, murmelte Kiki. „Fächerstadt. Das war fast zu einfach.“ Die geografischen Koordinaten bestätigten ihre Vermutung. Sie führten in die Nähe des Karlsruher Schlosses. Allerdings endete die Zahlenfolge nicht dort. Hinter den Koordinaten standen sieben Zeichen: ein Fächer, ein Ring, ein Rad, eine Tanne, ein Hirsch, eine Feder und ein Schlüssel. Kiki druckte das Foto aus, steckte eine Taschenlampe, ihr Notizbuch und drei Müsliriegel ein und informierte ihre Kollegin darüber, dass sie einen Außentermin habe. „Mit wem?“, fragte die Kollegin. „Mit der badischen Geschichte.“ „Klingt anstrengend.“ „Ich hoffe, sie zahlt wenigstens den Kaffee.“ Vom Schlossplatz aus verglich Kiki die Fächerform der Karlsruher Straßen mit dem Foto. Bald bemerkte sie, dass der Mann nicht direkt vor dem Schloss gestanden hatte. Der Winkel der Wege passte nur, wenn man das Bild aus der Perspektive des Schlossgartens betrachtete. Dort führte die Spur zu einer alten steinernen Brüstung. Unter einer Sitzplatte entdeckte Kiki eine eingeritzte Fächerform. Sie war deutlich neuer als der Stein und vermutlich absichtlich unauffällig angebracht worden. Daneben stand: Nicht die Strahlen weisen den Weg. Der Mittelpunkt tut es. Kiki sah zum Schlossturm. Karlsruhe war einst planmäßig vom Schloss aus angelegt worden. Wenn das Rätsel den Mittelpunkt meinte, musste sie dorthin zurück, von dem die Straßen und Alleen ausstrahlten. Bevor sie losgehen konnte, sprach sie ein älterer Mann an. „Sie suchen etwas, das Sie besser ruhen lassen sollten.“ Kiki drehte sich um. Der Mann war vielleicht siebzig, trug einen braunen Hut und stützte sich auf einen Spazierstock, obwohl er ihn offensichtlich nicht benötigte. „Falls Sie meinen Parkplatz meinen, haben Sie vermutlich recht.“ Er lächelte nicht. „Mein Name ist Emil Hartmann. Ich war vierzig Jahre lang Heimatforscher. Das Foto, das Sie in der Hand halten, kenne ich.“ Hartmann führte Kiki in ein kleines Café am Zirkel. Dort legte er eine lederne Mappe auf den Tisch. Sie enthielt Kopien alter Briefe und eine Zeichnung mit denselben sieben Zeichen. „Die sogenannte Sieben-Zeichen-Karte“, erklärte er. „Sie tauchte erstmals 1952 im Nachlass eines Buchdruckers auf. Manche hielten sie für eine Schatzkarte. Andere glaubten, sie führe zu verschollenen Dokumenten aus der Zeit der badischen Revolution.“ „Und was glauben Sie?“ „Dass sie Menschen gefährlich werden lässt.“ Hartmann erzählte von einem privaten Sammler namens Falk Brenner. Dieser hatte jahrelang nach der Karte gesucht. Brenner kaufte historische Dokumente, ließ sie verschwinden und verkaufte einzelne Stücke an wohlhabende Sammler weiter. Hartmann hatte einst mit ihm zusammengearbeitet, bis er dessen Methoden durchschaute. „Warum warnen Sie mich?“ „Weil dieser Eintrag nicht zufällig auf Ihrem Bildschirm erschienen ist. Jemand möchte, dass Sie die Suche aufnehmen.“ „Und Sie wissen nicht, wer?“ „Nein.“ Kiki betrachtete die sieben Zeichen. „Das ist kein besonders überzeugender Grund aufzuhören.“ „Neugier ist keine Schutzkleidung.“ „Aber ein guter Antrieb.“ Hartmann seufzte. Dann schob er ihr eine handgezeichnete Skizze zu. Sie zeigte den Grundriss eines früheren Lagerraums unter einem Gebäude nahe dem Schlossplatz. Der Raum war bei Umbauarbeiten entdeckt, dokumentiert und wieder verschlossen worden. Hartmann hatte eine offizielle Genehmigung organisiert, ihn am Nachmittag gemeinsam mit einem Mitarbeiter des Gebäudemanagements zu betreten. „Sie hatten offenbar damit gerechnet, dass ich nicht auf Sie höre.“ „Ich habe mit vierundzwanzig auch auf niemanden gehört.“ „Und heute?“ „Heute höre ich wenigstens so aufmerksam weg, dass es höflich wirkt.“ Der Lagerraum war trocken, niedrig und leer. An einer Wand verlief eine Reihe alter Ziegel. Kiki bemerkte, dass sieben davon dunkler waren. Sie leuchtete schräg darüber und erkannte eingeritzte Buchstaben. Von links nach rechts ergaben sie jedoch nur: MEHMENIT „Das ist entweder ein Geheimwort oder jemand hatte beim Schreiben Schluckauf“, sagte sie. Hartmann betrachtete die Wand. „Vielleicht lesen wir in der falschen Richtung.“ Von rechts nach links entstand: TIMENHEM Auch das ergab keinen Sinn. Kiki erinnerte sich an den Hinweis: Nicht die Strahlen, sondern der Mittelpunkt. Sie begann beim mittleren Ziegel und las abwechselnd einen Stein rechts, einen links. So entstanden die Worte: NIMM HEUTE Unter dem mittleren Ziegel fand sie eine schmale Messingplatte. Darauf war ein Fächer geprägt. Auf der Rückseite standen zwei Zeilen: Wo Feuer Gold nicht schmelzen soll,macht kaltes Licht den Kreis erst voll. Außerdem enthielt das Versteck eine gefaltete Karte von Nordbaden. Eine rote Linie führte von Karlsruhe nach Pforzheim, durch den Enzkreis und weiter in den Schwarzwald. Danach verzweigte sie sich in Richtung Böblingen und Ludwigsburg. Am Rand stand in verblasster Tinte: Sieben Zeichen. Sieben Bewahrer. Eine gemeinsame Stimme. Hartmann wurde bleich. „Was bedeutet das?“, fragte Kiki. „Dass die Legende falsch überliefert wurde. Es gab nicht einen Verfasser der Karte, sondern sieben.“ Über ihnen knarrte eine Tür. Schritte näherten sich der Treppe. Der Mitarbeiter des Gebäudemanagements rief: „Herr Hartmann? Frau Kiki? Ist noch jemand bei Ihnen?“ Im Türrahmen erschien für einen Moment die Silhouette einer fremden Person. Dann fiel die Tür zu. Als Kiki die Treppe erreichte, war der Flur leer. Nur auf dem Boden lag eine Visitenkarte. Vorn stand: Falk Brenner – Historische Sammlungen. Auf der Rückseite hatte jemand geschrieben: Danke, dass Sie den ersten Hinweis gefunden haben.

Kapitel 3

Das Zeichen von Pforzheim - Abenteuer

Von Holger Lemke, veröffentlicht am 19.07.2026

Am nächsten Morgen fuhr Kiki nach Pforzheim. Hartmann hatte ihr geraten, die Suche abzubrechen, zu warten oder wenigstens Verstärkung mitzunehmen. Kiki hatte sich für eine vierte Möglichkeit entschieden: Sie nahm Hartmanns Telefonnummer mit. Der Hinweis führte sie in das traditionsreiche Umfeld der Schmuck- und Uhrenstadt. Das Rätsel erwähnte Gold, das nicht geschmolzen werden sollte, und kaltes Licht, das einen Kreis vervollständigte. Deshalb vermutete Kiki, dass es nicht um echtes Feuer ging, sondern um die Untersuchung eines Schmuckstücks. Hartmann hatte ihr die Adresse einer ehemaligen Goldschmiedewerkstatt gegeben, die heute als privates Atelier genutzt wurde. Die Besitzerin erlaubte Kiki, einen alten Arbeitstisch zu untersuchen, der aus dem Nachlass eines Pforzheimer Goldschmieds stammte. Auf der Tischplatte waren winzige Kreise, Zahlen und Metallzeichen eingeritzt. Kiki erkannte die Zahl 79. „Gold“, sagte eine Stimme hinter ihr. Kiki fuhr herum. Eine Frau mit dunklen Locken und grüner Jacke stand in der Tür. Sie war etwas älter als Kiki und hielt eine kleine UV-Lampe in der Hand. „Die Ordnungszahl von Gold ist neunundsiebzig“, fuhr die Fremde fort. „Falls du gerade überlegt hast, ob es die Hausnummer eines sehr kleinen Hauses ist.“ „Und Sie sind?“ „Leona Voss. Restauratorin.“ „Zufällig hier?“ „Natürlich. Ich betrete ständig fremde Ateliers mit UV-Lampen.“ Kiki verschränkte die Arme. „Brenner hat Sie geschickt.“ Leonás Blick fiel auf die Messingplatte mit dem Fächer. Damit war die Frage beantwortet. „Er hat mich beauftragt, die sieben Zeichen zu finden“, gab Leona zu. „Er behauptete, es gehe um verlorene Familiendokumente. Inzwischen glaube ich ihm kein Wort mehr.“ „Das ging schnell.“ „Er hat gestern versucht, mich aus dem Projekt zu werfen, nachdem ich Fragen gestellt hatte. Jetzt möchte ich herausfinden, was er unbedingt vor mir verbergen wollte.“ Kiki wollte ihr nicht vertrauen. Andererseits hielt Leona genau das kalte Licht in der Hand, von dem das Rätsel sprach. Gemeinsam untersuchten sie die Arbeitsplatte. Unter UV-Licht erschienen Linien, die mit bloßem Auge unsichtbar waren. Sie verbanden mehrere der eingeritzten Kreise zu einer Kette. In der Mitte befand sich ein Kreis mit der Zahl 79. Von dort führten Linien zu den Zahlen 47, 29 und 26. „Das sind ebenfalls Ordnungszahlen“, sagte Leona. „Silber, Kupfer und Eisen.“ Neben jedem Kreis stand ein Buchstabe. Bei Gold ein R, bei Silber ein A, bei Kupfer ein D und bei Eisen ein E. „Rade“, las Kiki. „Oder man muss die Metalle nach ihrem Wert sortieren.“ Sie ordneten Gold, Silber, Kupfer und Eisen. Die Buchstaben ergaben wieder R-A-D-E. „Vielleicht fehlt etwas“, sagte Kiki. In die Tischkante war ein kleiner Ring eingelassen. Leona drehte ihn vorsichtig. Eine verborgene Schublade sprang auf. Darin lag eine silberfarbene Scheibe mit dem zweiten Zeichen: einem Ring. Auf ihrer Rückseite stand der Buchstabe T. Daneben lag ein Papierstreifen: Gold gibt den Anfang. Eisen das Ende.Doch der Weg dreht sich wie das Werk der Hände.Nimm jeden zweiten Zahn. In der Schublade befand sich außerdem ein kleines Zahnrad mit sechzehn Zähnen. Acht waren mit winzigen Buchstaben versehen. Kiki begann am goldfarben markierten Zahn und las jeden zweiten Buchstaben im Uhrzeigersinn: R A D E L N I M „Radel nim?“, fragte sie. Leona drehte das Zahnrad um. „Werk der Hände. Wir müssen gegen den Uhrzeigersinn lesen.“ Nun ergaben die Buchstaben: IM ENZ RAD Kiki legte das Zahnrad auf die alte Karte. Im Enzkreis war ein kleines Wasserrad eingezeichnet, nahe einer fiktiv markierten, längst aufgegebenen Werkstätte außerhalb einer Ortschaft. „Das dritte Zeichen ist ein Rad“, sagte Kiki. „Wir suchen also dort.“ In diesem Moment betrat ein Mann im grauen Mantel das Atelier. Er blieb höflich an der Tür stehen. „Frau Voss“, sagte er. „Herr Brenner ist enttäuscht.“ „Das kann er in sein Tagebuch schreiben.“ „Er möchte lediglich die Gegenstände zurück, die ihm gehören.“ „Die gehören ihm nicht“, erwiderte Kiki. Der Mann lächelte. „Sie wissen noch gar nicht, wem sie gehören.“ Er ging wieder. Kurz darauf hörten sie draußen einen Motor starten. Leona sah Kiki an. „Wir sollten uns beeilen.“ „Wir?“ „Du hast die Karte. Ich kenne alte Materialien, Schriften und Restaurierungstechniken.“ „Und du hast bis gestern für Brenner gearbeitet.“ „Ein kleiner Schönheitsfehler.“ Kiki steckte das Zahnrad ein. „Ich behalte die Karte.“ „Einverstanden.“ „Ich bestimme die Route.“ „Wenn sie vernünftig ist.“ „Und wir teilen alle Informationen.“ Leona zögerte eine Sekunde zu lange. Kiki hob eine Augenbraue. „Gut“, sagte Leona. „Alle Informationen.“ Auf der Straße entdeckte Kiki einen schwarzen Wagen, der auf der anderen Seite parkte. Hinter der Windschutzscheibe saß niemand. Dennoch blinkte auf dem Armaturenbrett kurz ein rotes Licht. Eine Kamera. Kiki zog ihr Handy heraus und fotografierte das Kennzeichen. „Wir werden beobachtet“, sagte sie. „Das ist schlecht.“ „Nicht nur. Wer uns beobachtet, weiß offenbar selbst nicht, wohin die Karte führt. Sonst würde er uns nicht folgen.“ Leona grinste. „Du bist entweder sehr mutig oder ausgesprochen leichtsinnig.“ „Ich bin ausgezeichnet im Multitasking.“ Sie verließen Pforzheim auf getrennten Straßen und trafen sich später an einem vereinbarten Punkt wieder. Im Rückspiegel tauchte der schwarze Wagen nicht mehr auf. Auf der Messingscheibe mit dem Fächer war inzwischen etwas sichtbar geworden. Das kalte UV-Licht hatte eine zuvor verborgene Schrift zum Leuchten gebracht: Das erste Zeichen zeigt den Ort.Das zweite bestimmt die Reihenfolge. Kiki legte Fächer und Ring nebeneinander. Plötzlich verstand sie: Die Zeichen waren nicht nur Wegmarken. Jedes von ihnen erklärte, wie der nächste Hinweis gelesen werden musste. Und irgendwo im Enzkreis wartete ein Rad darauf, die Karte weiterzudrehen.

Kapitel 4

Unterwegs durch den Enzkreis - Abenteuer

Von Holger Lemke, veröffentlicht am 19.07.2026

Die Markierung führte Kiki und Leona zu einem bewaldeten Tal im Enzkreis. Dort hatte im neunzehnten Jahrhundert eine kleine Werkstatt gestanden, die Wasserräder und Metallteile für Mühlen hergestellt hatte. Von den Gebäuden waren nur Grundmauern erhalten. Das Gelände war nicht öffentlich zugänglich, doch Hartmann hatte über das örtliche Archiv Kontakt zur Eigentümerfamilie aufgenommen. Ein Förster begleitete die beiden bis zum Rand des Areals und warnte sie vor rutschigem Boden. „Keine Alleingänge in alte Schächte“, sagte er. „Was verschlossen ist, bleibt verschlossen.“ „Wir sind sehr vernünftige Menschen“, versicherte Kiki. Leona wartete, bis der Förster außer Hörweite war. „Du lügst erschreckend überzeugend.“ „Ich habe gesagt, wir seien vernünftig. Nicht, dass wir immer vernünftig handeln.“ Zwischen Farnen und moosbedeckten Steinen fanden sie die Reste eines Wasserkanals. Der Regen der vergangenen Tage hatte ihn teilweise gefüllt. Ein schmaler Bach floss über die Grundmauern und verwandelte den Weg in eine rutschige Schlammbahn. Auf einem Stein war ein Rad mit acht Speichen eingeritzt. Darunter stand: Was stillsteht, muss sich drehen.Was oben liegt, muss unten stehen. Kiki nahm das Zahnrad aus Pforzheim und setzte es in eine runde Vertiefung. Es passte genau. Als sie es drehte, bewegte sich im Inneren des Steins ein alter, aber geschützter Mechanismus. Eine kleine Metallplatte klappte heraus. Sie zeigte acht Richtungspfeile. Leona legte die Karte darauf. „Was oben liegt, muss unten stehen.“ Sie drehte die Karte auf den Kopf. Nun stimmten die Pfeile mit den Abzweigungen des ehemaligen Wasserkanals überein. Sie folgten der südlichen Rinne. Mehrmals mussten sie über umgestürzte Baumstämme klettern. An einer Stelle hatte das Wasser einen Teil des Weges fortgespült. Kiki prüfte jeden Schritt, hielt sich an freiliegenden Wurzeln fest und erreichte die andere Seite. Leona folgte weniger elegant. Ihr rechter Stiefel blieb im Schlamm stecken. „Warte“, sagte sie. „Mein Schuh hat beschlossen, im Enzkreis zu bleiben.“ Kiki zog sie am Arm heraus. Der Stiefel kam mit einem Geräusch frei, das klang, als würde der Wald angewidert schmatzen. Hinter einer Felswand fanden sie den Eingang zu einem kleinen, künstlich angelegten Gewölbe. Es war kein Bergwerksstollen, sondern ein früherer Lagerkeller, dessen Zugang später fachgerecht gesichert worden war. Die Eigentümerfamilie hatte ihnen den Schlüssel mitgegeben. Im Inneren roch es nach feuchtem Stein. An der Rückwand befand sich ein gemauertes Rundfenster. Acht Steinsegmente bildeten ein Rad. Eines davon trug eine andere Farbe. Kiki erinnerte sich an den Pforzheimer Hinweis: Nimm jeden zweiten Zahn. Sie berührte vom verfärbten Segment aus jedes zweite Steinstück. Beim vierten gab die Fuge nach. Ein schmales Fach öffnete sich. Darin lagen zwei Gegenstände: eine bronzene Scheibe mit dem Zeichen eines Rades und eine dünne Kupferplatte voller kleiner Löcher. Auf der Scheibe stand der Buchstabe I. „Eine Schablone“, sagte Leona und hielt die Platte gegen das Licht. Kiki legte sie auf die Schatzkarte. Zunächst ergab sich nichts. Dann drehte sie die Schablone entsprechend dem Radzeichen. Durch die Löcher waren einzelne Wörter am Kartenrand zu lesen: Keine Orte. Bewahrer. Karte zeigt Übergaben. Kiki starrte auf den Satz. „Die rote Linie zeigt keine Route zu einem vergrabenen Schatz“, sagte sie. „Sie zeigt, wie etwas weitergegeben wurde.“ Leona nickte. „Von Karlsruhe nach Pforzheim, durch den Enzkreis in den Schwarzwald und anschließend weiter nach Osten. Sieben Personen haben eine Sammlung transportiert und versteckt.“ Unter der Kupferplatte lag ein in Wachstuch gewickeltes Heft. Es gehörte einem Wagner namens Friedrich Kern. Die letzten lesbaren Seiten stammten aus dem Jahr 1851. Kiki las laut: „Was wir gesammelt haben, soll nicht Fürsten, Händlern oder Siegern gehören. Es sind die Worte derer, die sonst in keinem Buch erscheinen.“ Auf den folgenden Seiten wurden Briefe, Zeichnungen, Lieder, Druckplatten und Berichte erwähnt. Sie stammten von Handwerkern, Tagelöhnern, Frauen, Lehrlingen, Wirten und Fuhrleuten aus verschiedenen Teilen Badens und Württembergs. Offenbar hatten sieben Bewahrer die Sammlung aufgeteilt, nachdem politische Unruhen und Verfolgung ihre Vernichtung befürchten ließen. „Das ist der Schatz“, sagte Kiki. „Ein verborgenes Archiv.“ Hinter ihnen knackte ein Ast. Sie löschten die Taschenlampen und lauschten. Vor dem Eingang bewegte sich ein Schatten. Leona schlich zur Wand. Kiki hielt ihr Handy bereit. Eine kleine Kamera schob sich an einem Stab durch die Türöffnung. Kiki packte den Stab und zog kräftig. Draußen fluchte jemand. Als sie aus dem Gewölbe trat, rannte ein Mann durch den Wald davon. Es war derselbe Mann, der im Pforzheimer Atelier aufgetaucht war. Er ließ einen Rucksack zurück. Darin befanden sich eine Kamera, Kopien von Hartmanns Unterlagen und ein Peilsender. Leona untersuchte ihre Tasche. In einer Seitennaht klebte ein zweiter Sender. „Brenner wusste immer, wo wir waren“, sagte sie. „Nicht mehr.“ Kiki fotografierte den Fund, verständigte den Förster und übergab ihm den Rucksack. Dann untersuchte sie die bronzene Radscheibe genauer. Am Rand stand: Wo Tannen Namen tragen und Hirsche schweigen,wird Holz die verborgenen Stimmen zeigen. „Landkreis Calw“, sagte Kiki. „Schwarzwald, Flößerei, alte Holzzeichen.“ Leona blätterte im Heft weiter. Die letzte Seite fehlte, doch auf dem Einband war ein Name eingeprägt: Magdalena Roth – Hirsau. In diesem Moment klingelte Kikis Telefon. Hartmann war am Apparat. „Brenner war bei mir“, sagte er. „Er weiß vom Heft.“ „Hat er Ihnen etwas getan?“ „Nein. Er hat mir ein Angebot gemacht.“ „Welches?“ „Eine sehr hohe Summe für alles, was Sie finden.“ Kiki sah auf die Karte, die Kupferschablone und den Bericht des Wagners. „Und was haben Sie geantwortet?“ Hartmann schwieg kurz. „Dass manche Dinge wertvoll werden, gerade weil man sie nicht verkaufen darf.“

Fortsetzung bewerten

0 Bewertungen · gewichteter Wert 0,00 von 5

Bitte melden Sie sich an, um diese Fortsetzung zu bewerten.

Wie soll die Geschichte weitergehen?

Fortsetzungen nach Beliebtheit sortieren

Das Vermächtnis im Landkreis Calw - Abenteuer

Abenteuer

Holger Lemke · 19.07.2026
Bewertung: 0 · 1 weitere Fortsetzungen

Eine Fortsetzung vorschlagen

Sie sind derzeit nicht berechtigt, eine Fortsetzungsidee einzureichen.

Kommentare (0)

Noch keine Kommentare vorhanden.

Zum Kommentieren ist eine Anmeldung erforderlich.