Kapitel 6

Der wahre Schatz - Abenteuer

Von Holger Lemke, veröffentlicht am 19.07.2026

Die Spur der Feder führte Kiki und Leona nach Leonberg. Im dortigen Stadtarchiv durften sie mit Unterstützung einer Archivarin den Nachlass eines Buchbinders untersuchen. Zwischen Rechnungsbüchern und Materiallisten fanden sie einen Brief, dessen Verfasserin ihre Texte mit einer gezeichneten Feder gekennzeichnet hatte. Der Brief enthielt das sechste Zeichen und den Buchstaben E. Dazu gehörte ein einfacher Hinweis: Sechs Stimmen nennen den Weg.Die siebte öffnet, was keine allein bewahren kann. Auf der Rückseite standen sechs Ortsnamen: Karlsruhe, Pforzheim, ein Ort im Enzkreis, Hirsau, Leonberg und Ludwigsburg. Hinter jedem Namen befand sich eine Zahl. Kiki legte die sechs Zeichenplatten in der gefundenen Reihenfolge aus. Jede Platte besaß am Rand eine kleine Kerbe. Richtete man alle Kerben aufeinander aus, bildeten die Platten eine längliche Schablone. Legte man diese über den Brief, blieben sechs Buchstaben sichtbar: M A R B A C „Marbac… Marbach?“, fragte Leona. Kiki verschob die Schablone um eine Position. Nun lautete das Ergebnis: M A R S T A „Das kann nicht stimmen.“ Die Archivarin betrachtete die Platten. „Vielleicht sind nicht die Ortsnamen, sondern die Zahlen entscheidend.“ Die Zahlen lauteten 2, 5, 1, 4, 3 und 6. Kiki ordnete die Zeichen entsprechend neu. Jetzt zeigte die Schablone: M A R S T A L „Marstall“, sagte die Archivarin. „In Ludwigsburg gab und gibt es mehrere historische Bezüge zu diesem Begriff. Aber der Brief könnte auch ein früheres Lagergebäude meinen.“ Unterlagen aus dem neunzehnten Jahrhundert verwiesen schließlich auf einen ehemaligen Handelshof am Rand der damaligen Stadt. Das ursprüngliche Hauptgebäude existierte nicht mehr. Ein Nebengebäude war jedoch erhalten und wurde als Magazin einer gemeinnützigen Geschichtswerkstatt genutzt. Kiki rief dort an. Der Leiter der Werkstatt bestätigte, dass sich im Keller eine zugemauerte Tür befand. Niemand hatte sie geöffnet, weil dahinter laut Bauunterlagen nur ein verfüllter Nebenraum liegen sollte. Gemeinsam verständigten sie das zuständige Denkmalamt und die Eigentümerin. Noch am selben Nachmittag wurde eine fachgerechte Untersuchung vereinbart. Als Kiki und Leona in Ludwigsburg ankamen, stand Falk Brenner bereits vor dem Gebäude. „Das wird langsam unangenehm“, sagte Kiki. „Langsam?“, fragte Leona. Brenner hatte versucht, sich als Beauftragter der Eigentümerin auszugeben. Doch die Verantwortlichen waren inzwischen gewarnt. Zwei Mitarbeiter der Geschichtswerkstatt ließen ihn nicht hinein. Kiki übergab sämtliche Platten und Dokumente der anwesenden Archivarin. Damit waren sie offiziell erfasst. Brenner konnte den Fund nicht mehr unbemerkt an sich nehmen. Die zugemauerte Tür wurde nicht sofort aufgebrochen. Zunächst untersuchte ein Baufachmann die Wand. Hinter ihr befand sich tatsächlich ein kleiner, trockener Raum. Die Öffnung erfolgte kontrolliert und unter Aufsicht. In der Mitte des Raumes stand eine große Truhe aus dunklem Holz. Auf ihrem Deckel waren sieben Zeichen eingeschnitzt. Fächer. Ring. Rad. Tanne. Hirsch. Feder. Schlüssel. Die sechs Metallplatten passten in entsprechende Vertiefungen. Nur das Schlüsselfeld blieb frei. An der Wand befand sich die letzte Aufgabe: Der Schlüssel ist kein Metall.Er entsteht, wenn sieben Einzelnein richtiger Ordnung dasselbe sagen. Unter jeder Zeichenvertiefung stand ein Buchstabe. Die ersten sechs lauteten: S – T – I – M – M – E „Das letzte Wort ist STIMMEN“, sagte Kiki. „Der fehlende Buchstabe ist N.“ Doch ein Buchstabe allein öffnete keine Truhe. Leona untersuchte die Seitenwände. Dort befanden sich sieben verschiebbare Holzleisten. Jede trug den Namen eines der Bewahrer. Kiki verglich die Namen mit den Ortszahlen aus dem Leonberger Brief und brachte sie in die richtige Reihenfolge. Als sie die letzte Leiste verschob, standen die Anfangsbuchstaben der Namen untereinander. Sie ergaben ebenfalls STIMMEN. Im Inneren der Truhe klickte ein Mechanismus. Der Deckel ließ sich öffnen. Darin lagen weder Goldbarren noch Münzen. Die Truhe enthielt sorgfältig verpackte Briefe, Tagebücher, Zeichnungen, Druckstöcke, Liederhefte, kleine Karten und handgeschriebene Erinnerungen. Mehrere Texte waren von Menschen verfasst worden, deren Stimmen in offiziellen Chroniken kaum vorkamen: einer Näherin aus Karlsruhe, einem Goldschmiedelehrling aus Pforzheim, einem Müller aus dem Enzkreis, einer Wirtstochter aus Hirsau und einem Buchbinder aus Leonberg. Ein Verzeichnis erklärte den Zweck der Sammlung: Was Fürsten verkünden, wird gedruckt. Was Sieger beschließen, wird bewahrt. Darum sammeln wir, was gewöhnliche Menschen gesehen, gehofft, gefürchtet und getan haben. Nicht einer soll diese Stimmen besitzen. Das Land selbst soll ihr Bewahrer sein. Kiki musste den Absatz zweimal lesen. Leona stand schweigend neben ihr. Selbst Hartmann, der per Videoanruf zugeschaltet war, sagte eine Weile nichts. Dann erschien Brenner in der Tür. Hinter ihm standen zwei Polizeibeamte, die seine Personalien aufnahmen. Sein unerlaubtes Eindringen in das Forsthaus und die heimliche Überwachung würden noch geklärt werden. „Sie glauben, Sie hätten gewonnen“, sagte Brenner. „Die Sammlung wird in einem Magazin verschwinden. Niemand wird sie sehen.“ Kiki hob das Verzeichnis hoch. „Dann sorgen wir dafür, dass das nicht passiert.“ In den folgenden Wochen arbeiteten Regiosucher, regionale Archive, Museen und die Geschichtswerkstatt zusammen. Die Dokumente wurden konservatorisch geprüft, digitalisiert und wissenschaftlich eingeordnet. Niemand behauptete vorschnell, jedes Detail sei zweifelsfrei wahr. Doch gerade die unterschiedlichen Perspektiven machten die Sammlung einzigartig. Unter dem Titel Die sieben Stimmen entstand eine öffentlich zugängliche digitale Ausstellung. Sie erzählte nicht nur von politischen Ereignissen, sondern vom Alltag: von knappen Lebensmitteln, langen Wegen, heimlich weitergegebenen Nachrichten, mutigen Entscheidungen und der Hoffnung auf eine gerechtere Zukunft. Emil Hartmann übergab seine jahrzehntelangen Forschungen ebenfalls dem Archiv. Leona erhielt den Auftrag, an der Restaurierung der Metallplatten und Papiere mitzuwirken. Kiki schrieb für Regiosucher eine Artikelserie über die gesamte Schatzsuche. Den Abschnitt über Brenners ruinierte Lederschuhe kürzte die Redaktion allerdings deutlich. Einige Tage später saßen Kiki, Leona und Hartmann in einem Café in Karlsruhe. Vor ihnen lag eine Reproduktion der vollständigen Karte. „Eine Frage bleibt“, sagte Leona. „Wer hat den unbekannten Eintrag bei Regiosucher angelegt?“ Hartmann rührte in seinem Kaffee. „Ich war es nicht.“ „Brenner ebenfalls nicht“, sagte Kiki. „Er kannte den ersten Ort erst, nachdem wir dort waren.“ Sie betrachtete das alte Foto. Auf der Rückseite war während der Restaurierung eine bislang übersehene Notiz sichtbar geworden: Die Karte soll eines Tages zu jemandem gelangen, der Orte nicht nur findet, sondern ihre Geschichten erzählt. Darunter stand kein Name. Kiki lächelte. „Vielleicht müssen wir nicht jedes Rätsel lösen.“ Ihr Handy vibrierte. Bei Regiosucher war ein neuer Eintrag erschienen. Er enthielt ein Foto vom Bodensee, drei Koordinaten und den Satz: Die sieben Stimmen waren nicht die Einzigen. Leona beugte sich über das Display. „Wir fahren nicht sofort los.“ „Natürlich nicht“, sagte Kiki und griff nach ihrer Jacke. „Wir trinken erst unseren Kaffee aus.“ Dann steckte sie zwei Müsliriegel ein. Man wusste schließlich nie, wann die nächste Geschichte begann.

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