Kapitel 3
Verfolgung durch Karlsruhe - Action
Kiki stieg am Europaplatz aus, bevor die Straßenbahn vollständig zum Stillstand gekommen war. Sie drängte sich zwischen zwei Fahrgästen hindurch und verschwand in der Menge.
Der schwarze Wagen konnte der Bahn nicht bis auf den Platz folgen. Das verschaffte ihr vielleicht eine Minute.
Sie überquerte die Kaiserstraße, wich einem Fahrrad aus und lief in eine Seitenstraße. Ihr verletztes Knie protestierte bei jedem Schritt. Nach fünfzig Metern blieb sie hinter einem Lieferfahrzeug stehen und öffnete ihre Kontakte.
Die Nachricht hatte eine IT-Sicherheitsexpertin in Pforzheim genannt. Kiki kannte sie nicht. Sie brauchte jemanden, der überprüfen konnte, ob die Nachricht echt war.
Ihr fiel nur eine Person ein: Lukas Rehm, ein ehemaliger Kollege, der inzwischen in Karlsruhe bei einer regionalen Leitstelle arbeitete. Er war gründlich, misstrauisch und nervte Menschen mit langen Erklärungen über sichere Passwörter. In diesem Moment erschien Kiki das wie eine hervorragende Charaktereigenschaft.
Sie rief ihn an.
„Kiki? Bei uns spielen gerade alle Systeme verrückt. Verkehrsmeldungen fallen aus, interne Verbindungen brechen ab—“
„Lukas, hör zu. Mein Büro wurde angegriffen. Drei Leute suchen mich. Auf meinem Telefon sind Daten über etwas, das Atlas-Protokoll heißt.“
Am anderen Ende wurde es still.
„Woher kennst du diesen Namen?“
„Ich habe ihn nicht erfunden.“
„Wir treffen uns. Nicht bei mir, nicht bei dir. Am Schloss, Westseite. Zwanzig Minuten.“
„Kann ich dir vertrauen?“
„Wenn du das fragen musst, ist die Antwort nie besonders beruhigend.“
Er legte auf.
Kiki schob das Telefon ein und ging weiter. An einer Schaufensterscheibe erkannte sie den Mann aus ihrem Büro. Er stand etwa hundert Meter hinter ihr und sprach in sein Headset.
Sie lief los.
Der Mann ebenfalls.
Kiki bog auf den Marktplatz ab. Zwischen Pyramide, Passanten und Straßenbahnen suchte sie nach einem Weg, auf dem ein einzelner Verfolger auffallen würde. Eine Bahn in Richtung Durlach fuhr ein. Die Türen öffneten sich.
Kiki stieg vorne ein, ging sofort durch den Wagen und verließ ihn durch die hintere Tür wieder, kurz bevor sie schloss.
Der Mann blieb drinnen.
Für einen Augenblick trafen sich ihre Blicke durch die Scheibe. Dann setzte sich die Bahn in Bewegung.
„Danke für die Fahrkarte“, sagte Kiki und rannte weiter.
Ihr Telefon vibrierte erneut. Diesmal erschien keine Nachricht, sondern ein roter Punkt auf einer Karte. Er bewegte sich exakt mit ihr.
Jemand konnte das Gerät orten.
Kiki schaltete den Flugmodus ein. Der Punkt blieb.
Sie wollte das Telefon ausschalten, doch dabei würde sie möglicherweise die einzige Kopie der Daten verlieren. Stattdessen öffnete sie die Regiosucher-App. Die Anwendung speicherte Standorte, Fotos und Entwürfe automatisch zwischen, wenn Kiki unterwegs neue Einträge erstellte.
Vielleicht lief die Ortung nicht über das Betriebssystem, sondern über den unbekannten Datensatz.
Am Zirkel entdeckte sie einen Transporter eines Paketdienstes. Der Fahrer trug mehrere Kartons in ein Geschäft. Kiki trat an die offene Hecktür, öffnete in der App einen neuen Standort und änderte dessen Position manuell auf einen Parkplatz in Durlach. Danach aktivierte sie die verzögerte Synchronisierung.
Es war keine elegante Lösung. Aber vielleicht folgten die Angreifer dem falschen Signal, sobald wieder eine Verbindung bestand.
Sie schaltete das Netz für drei Sekunden ein.
Die App synchronisierte.
Sofort erschien eine Warnung:
Unbekannter Zugriff erkannt.
Kiki deaktivierte die Verbindung wieder.
Am Schlossgarten wartete Lukas nicht an der vereinbarten Stelle. Kiki blieb in Bewegung. Kinder spielten auf einer Wiese, Jogger liefen an ihr vorbei, Touristen fotografierten das Schloss. Jeder konnte ein Beobachter sein.
Nach zwei Minuten setzte sich ein Mann mit roter Mütze auf eine Bank und faltete eine Zeitung auseinander.
Lukas hasste Mützen.
Kiki ging nicht zu ihm.
Der Mann blickte zu häufig über den Rand der Zeitung.
Sie drehte um. Hinter ihr trat die fremde Frau aus dem Büro zwischen den Bäumen hervor.
Kiki war eingekreist.
Sie rannte in Richtung Schloss. Die Frau folgte ihr, während der Mann mit der Zeitung von der anderen Seite kam. Kiki nahm die Treppe zum Eingang, wechselte abrupt die Richtung und sprang über eine niedrige Absperrung. Ihre Schulter streifte einen Pfosten.
„Bleiben Sie stehen!“, rief die Frau.
„Schlechtes Verkaufsargument!“
Kiki erreichte eine Gruppe von Radfahrern. Einer stellte gerade sein Rad ab. Sie zog den Mann hinter einen Informationskasten.
„Sie können doch nicht einfach—“
Kiki drückte ihm ihre Handtasche in die Arme. „Fünfhundert Euro, wenn Sie mir Ihr Fahrrad für eine Stunde leihen.“
„Da sind höchstens fünfzig drin.“
„Dann fünfzig und eine sehr spannende Geschichte.“
Er zögerte. Kiki nahm das als Zustimmung, schwang sich auf das Rad und trat in die Pedale.
Die Verfolger konnten zu Fuß nicht mithalten. Doch als Kiki den Schlossplatz verließ, tauchte der schwarze Wagen wieder auf. Er schoss aus einer Seitenstraße und zwang sie auf den Gehweg.
Kiki raste zwischen Pollern hindurch. Der Wagen musste abbremsen. Sie fuhr durch den westlichen Teil der Innenstadt, nahm enge Durchgänge und wechselte mehrfach die Richtung. Ihre Ortskenntnisse verschafften ihr Abstand, aber ihr Knie schmerzte inzwischen heftig.
Unter einer Unterführung sprang plötzlich Lukas hinter einer Betonstütze hervor.
„Vom Rad!“
Kiki bremste. Lukas zog sie in einen Wartungszugang und schloss ein Metalltor hinter ihnen. Der schwarze Wagen fuhr vorbei.
„Du warst nicht am Schloss“, sagte Kiki.
„Meine Dienstkennung wurde benutzt, um das Treffen intern anzumelden. Jemand wusste davon, bevor ich losgefahren bin.“
„B-17?“
Lukas’ Gesicht veränderte sich.
„Das ist eine Berechtigungsstufe für externe Krisenpartner“, sagte er. „Nur wenige Firmen und Behördenkontakte besitzen sie.“
Er hielt ihr ein kleines Diagnosegerät hin. Kiki legte das Telefon daneben. Nach einigen Sekunden erschien eine Liste verborgener Verbindungen.
„Sie orten nicht dein Telefon“, sagte Lukas. „Sie orten die Datenkopie. Der Datensatz sendet bei jeder Netzverbindung eine Kennung.“
„Kannst du sie entfernen?“
„Nicht ohne die Verschlüsselung zu beschädigen.“
Lukas vergrößerte einen Eintrag. Eine digitale Signatur war sichtbar.
Vektor Systems – Regional Solutions.
„Die Firma wartet Teile der Verkehrsinfrastruktur“, erklärte er. „Anzeigetafeln, Störungsmeldungen, Schnittstellen zu Leitstellen. Wenn jemand dort Zugänge missbraucht, könnte er falsche Warnungen verbreiten und Systeme gezielt abschalten.“
Kiki dachte an den Countdown. „Was passiert, wenn er null erreicht?“
„Im besten Fall nichts.“
„Und im schlechten?“
„Straßensperren, falsche Umleitungen, ausgefallene Fahrgastinformationen, überlastete Notrufzentralen. Genug Chaos, um eine ganze Region für Stunden lahmzulegen.“
Lukas’ Diensttelefon klingelte. Er las die Nachricht und erbleichte.
„Der Leiter unserer Krisenkoordination verlangt, dass ich dich sofort übergebe.“
„Wer ist der Leiter?“
„Tobias Brandt.“
Kiki sah auf die Warnung in ihrem Telefon.
Kennung B-17.
Draußen quietschten Reifen.
Lukas öffnete einen Hinterausgang. „Wir müssen nach Pforzheim.“
„Kennst du Dr. Aylin Demir?“
„Nein“, sagte Lukas. „Aber irgendjemand hat gerade einen behördeninternen Fahndungshinweis auf dich gesetzt. Darin steht, du hättest sensible Daten gestohlen.“
Kiki blickte auf die Straße, auf der zwei dunkle Fahrzeuge hielten.
„Dann sollten wir verschwinden, bevor die Geschichte offiziell wird.“
Wie soll die Geschichte weitergehen?
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