Kapitel 1

Die Nachricht

Von Holger Lemke, veröffentlicht am 19.07.2026

Es war einmal eine junge Frau namens Kiki, die bei Regiosucher arbeitete. Tag für Tag entdeckte sie neue Orte, besondere Menschen und Geschichten, die sonst vielleicht niemand bemerkt hätte. Doch an diesem Morgen erschien auf ihrem Bildschirm ein Eintrag, der dort eigentlich nicht hätte sein dürfen. Kiki ahnte noch nicht, dass eine einzige Entscheidung ihr vertrautes Leben verändern würde. Vielleicht wartete auf sie ein ungelöstes Rätsel, eine große Liebe, eine Reise in eine fremde Welt oder etwas, für das es noch keine Erklärung gab. Sie atmete tief durch, öffnete den unbekannten Eintrag – und ihre Geschichte begann.

Kapitel 2

Zugriff verweigert - Action

Von Holger Lemke, veröffentlicht am 19.07.2026

Zunächst geschah gar nichts. Auf ihrem Bildschirm stand nur eine nüchterne Meldung: Zugriff verweigert. Kiki verzog den Mund. „Dann sind wir ja schon zu zweit.“ Sie bewegte den Mauszeiger zum Schließen-Symbol. In diesem Moment flackerte der Bildschirm. Das Logo von Regiosucher verschwand. Für den Bruchteil einer Sekunde sah sie eine Karte von Baden-Württemberg, darüber rote Linien, Zahlenkolonnen und mehrere gelb markierte Orte. Karlsruhe. Pforzheim. Böblingen. Ludwigsburg. Dann wurde der Bildschirm schwarz. Im Büro verstummten gleichzeitig die Lüfter der Rechner. Die Deckenbeleuchtung erlosch. Nur die Notlampen über den Türen sprangen an und tauchten den Raum in blasses Grün. „Was war das?“, rief jemand aus dem Nebenbüro. Kiki drückte den Einschaltknopf ihres Computers. Keine Reaktion. Auch das Tischtelefon war tot. Sie griff nach ihrem Mobiltelefon. Kein WLAN. Das Mobilfunknetz zeigte zwar Empfang, doch keine Verbindung kam zustande. Aus dem Serverraum ertönte ein Warnsignal. Zwei kurze Töne. Pause. Zwei kurze Töne. Kiki stand auf. Auf ihrem Telefon erschien plötzlich eine Benachrichtigung der internen Regiosucher-App: Synchronisierung abgeschlossen. 1 Datensatz offline verfügbar. Sie tippte darauf. Die App verlangte ein Kennwort, das sie nicht kannte. Im Flur wurden Schritte laut. „Die Technik ist schon da“, sagte ihr Kollege Ben erleichtert. Kiki sah zur Uhr. Seit dem Ausfall waren kaum neunzig Sekunden vergangen. „Die Technik kann zaubern“, murmelte sie. Die Eingangstür öffnete sich. Drei Personen betraten das Gebäude. Dunkle Jacken, schwarze Arbeitshosen, graue Transportkoffer. Auf den Jacken standen weder Firmenname noch Logo. Der vorderste Mann hielt eine laminierte Karte hoch. „Externer Notdienst. Alle bleiben bitte an ihren Arbeitsplätzen.“ Sein Ton war ruhig. Zu ruhig. Kiki beobachtete, wie die Frau hinter ihm die Bürotüren kontrollierte. Der dritte Mann blieb am Ausgang stehen. Keiner von ihnen fragte nach dem Serverraum. Sie wussten bereits, wo er lag. „Wen suchen Sie?“, fragte Ben. Der Mann blickte nicht zu ihm. „Katharina Winter.“ Kiki erstarrte. Fast niemand nannte sie Katharina. In der Firma stand selbst auf ihrem Türschild nur Kiki. Sie nahm ihre Handtasche und ging rückwärts zur kleinen Teeküche. Die fremde Frau bemerkte die Bewegung. „Frau Winter? Bleiben Sie bitte stehen.“ Kiki lächelte unsicher. „Wenn Sie meinen Computer reparieren wollen, müssen Sie da entlang.“ Sie zeigte in die entgegengesetzte Richtung und stieß im selben Augenblick die Küchentür zu. Der Schlüssel steckte innen. Sie drehte ihn herum, schob einen Stuhl unter die Klinke und riss das Fenster auf. Dritter Stock. „Großartig“, flüsterte sie. Hinter der Tür schlug etwas gegen das Holz. Neben dem Fenster verlief eine Feuertreppe. Der Abstand betrug kaum einen Meter, doch zwischen Fensterbrett und Gitter lag nichts als Luft. Kiki kletterte hinaus. Kalter Wind fuhr ihr ins Gesicht. Die Tür bebte erneut. Sie sprang. Ihre Hände trafen das Geländer. Eine Schulter schlug schmerzhaft dagegen. Für einen entsetzlichen Moment rutschten ihre Finger ab. Dann bekam sie das Metall zu fassen und zog sich auf die Plattform. Über ihr öffnete sich das Fenster. Kiki rannte die Stufen hinunter. Nach zwei Etagen hörte sie Schritte auf der Treppe. Jemand folgte ihr. Unten war das Gittertor mit einer Kette verschlossen. Kiki rüttelte daran, fluchte und blickte sich um. Neben dem Gebäude standen Müllcontainer. Dahinter führte eine niedrige Mauer zu einem Innenhof. Sie kletterte über das Geländer, setzte einen Fuß auf den Deckel des ersten Containers und sprang. Der Deckel gab nach. Kiki stürzte zwischen zwei Tonnen, schlug sich das Knie auf und verlor ihre Tasche. „Aua. Wirklich filmreif.“ Sie raffte die verstreuten Sachen zusammen. Der Schlüsselbund blieb unter einem Container liegen. Dafür hatte sie das Telefon noch. Oben erschien der Verfolger auf der Treppe. Kiki humpelte durch den Innenhof, stieß eine Seitentür zu einer kleinen Bäckerei auf und gelangte zwischen Mehlsäcken und Backblechen in den Verkaufsraum. „Hinterausgang?“, fragte sie atemlos. Die Verkäuferin zeigte wortlos auf eine Tür. Sekunden später stand Kiki in einer belebten Straße. Menschen warteten an einer Haltestelle, Fahrräder rauschten vorbei, ein Lieferwagen blockierte die Fahrbahn. Alles wirkte normal. Nur ihr Büro hinter ihr war plötzlich zu einem gefährlichen Ort geworden. Sie mischte sich unter die Wartenden. Ein schwarzer Wagen bog um die Ecke. Kiki senkte den Kopf. Der Wagen verlangsamte sich. Durch die getönten Scheiben konnte sie niemanden erkennen. Sie stieg in die erste Straßenbahn, die hielt, obwohl sie nicht wusste, wohin sie fuhr. Erst als die Türen geschlossen waren, atmete sie aus. Ihr Telefon vibrierte. Die Regiosucher-App hatte den unbekannten Eintrag geöffnet. Auf dem Display erschienen verschlüsselte Dateien, eine Karte und ein Countdown. 09:17:43 Darunter stand: ATLAS-PROTOKOLL – VOLLSTÄNDIGE KOPIE Eine weitere Nachricht schob sich darüber. Kiki, falls du das liest, ist das System kompromittiert. Vertraue niemandem mit Kennung B-17. Finde Dr. Aylin Demir. Pforzheim. Die Kopie darf nicht verloren gehen. Das Telefon klingelte. Unbekannte Nummer. Kiki nahm nicht ab. Die Straßenbahn fuhr um eine Kurve. Durch die Heckscheibe sah sie den schwarzen Wagen neben den Schienen beschleunigen. Auf dem Beifahrersitz saß die Frau aus ihrem Büro. Und sie blickte direkt zu Kiki.

Kapitel 3

Verfolgung durch Karlsruhe - Action

Von Holger Lemke, veröffentlicht am 19.07.2026

Kiki stieg am Europaplatz aus, bevor die Straßenbahn vollständig zum Stillstand gekommen war. Sie drängte sich zwischen zwei Fahrgästen hindurch und verschwand in der Menge. Der schwarze Wagen konnte der Bahn nicht bis auf den Platz folgen. Das verschaffte ihr vielleicht eine Minute. Sie überquerte die Kaiserstraße, wich einem Fahrrad aus und lief in eine Seitenstraße. Ihr verletztes Knie protestierte bei jedem Schritt. Nach fünfzig Metern blieb sie hinter einem Lieferfahrzeug stehen und öffnete ihre Kontakte. Die Nachricht hatte eine IT-Sicherheitsexpertin in Pforzheim genannt. Kiki kannte sie nicht. Sie brauchte jemanden, der überprüfen konnte, ob die Nachricht echt war. Ihr fiel nur eine Person ein: Lukas Rehm, ein ehemaliger Kollege, der inzwischen in Karlsruhe bei einer regionalen Leitstelle arbeitete. Er war gründlich, misstrauisch und nervte Menschen mit langen Erklärungen über sichere Passwörter. In diesem Moment erschien Kiki das wie eine hervorragende Charaktereigenschaft. Sie rief ihn an. „Kiki? Bei uns spielen gerade alle Systeme verrückt. Verkehrsmeldungen fallen aus, interne Verbindungen brechen ab—“ „Lukas, hör zu. Mein Büro wurde angegriffen. Drei Leute suchen mich. Auf meinem Telefon sind Daten über etwas, das Atlas-Protokoll heißt.“ Am anderen Ende wurde es still. „Woher kennst du diesen Namen?“ „Ich habe ihn nicht erfunden.“ „Wir treffen uns. Nicht bei mir, nicht bei dir. Am Schloss, Westseite. Zwanzig Minuten.“ „Kann ich dir vertrauen?“ „Wenn du das fragen musst, ist die Antwort nie besonders beruhigend.“ Er legte auf. Kiki schob das Telefon ein und ging weiter. An einer Schaufensterscheibe erkannte sie den Mann aus ihrem Büro. Er stand etwa hundert Meter hinter ihr und sprach in sein Headset. Sie lief los. Der Mann ebenfalls. Kiki bog auf den Marktplatz ab. Zwischen Pyramide, Passanten und Straßenbahnen suchte sie nach einem Weg, auf dem ein einzelner Verfolger auffallen würde. Eine Bahn in Richtung Durlach fuhr ein. Die Türen öffneten sich. Kiki stieg vorne ein, ging sofort durch den Wagen und verließ ihn durch die hintere Tür wieder, kurz bevor sie schloss. Der Mann blieb drinnen. Für einen Augenblick trafen sich ihre Blicke durch die Scheibe. Dann setzte sich die Bahn in Bewegung. „Danke für die Fahrkarte“, sagte Kiki und rannte weiter. Ihr Telefon vibrierte erneut. Diesmal erschien keine Nachricht, sondern ein roter Punkt auf einer Karte. Er bewegte sich exakt mit ihr. Jemand konnte das Gerät orten. Kiki schaltete den Flugmodus ein. Der Punkt blieb. Sie wollte das Telefon ausschalten, doch dabei würde sie möglicherweise die einzige Kopie der Daten verlieren. Stattdessen öffnete sie die Regiosucher-App. Die Anwendung speicherte Standorte, Fotos und Entwürfe automatisch zwischen, wenn Kiki unterwegs neue Einträge erstellte. Vielleicht lief die Ortung nicht über das Betriebssystem, sondern über den unbekannten Datensatz. Am Zirkel entdeckte sie einen Transporter eines Paketdienstes. Der Fahrer trug mehrere Kartons in ein Geschäft. Kiki trat an die offene Hecktür, öffnete in der App einen neuen Standort und änderte dessen Position manuell auf einen Parkplatz in Durlach. Danach aktivierte sie die verzögerte Synchronisierung. Es war keine elegante Lösung. Aber vielleicht folgten die Angreifer dem falschen Signal, sobald wieder eine Verbindung bestand. Sie schaltete das Netz für drei Sekunden ein. Die App synchronisierte. Sofort erschien eine Warnung: Unbekannter Zugriff erkannt. Kiki deaktivierte die Verbindung wieder. Am Schlossgarten wartete Lukas nicht an der vereinbarten Stelle. Kiki blieb in Bewegung. Kinder spielten auf einer Wiese, Jogger liefen an ihr vorbei, Touristen fotografierten das Schloss. Jeder konnte ein Beobachter sein. Nach zwei Minuten setzte sich ein Mann mit roter Mütze auf eine Bank und faltete eine Zeitung auseinander. Lukas hasste Mützen. Kiki ging nicht zu ihm. Der Mann blickte zu häufig über den Rand der Zeitung. Sie drehte um. Hinter ihr trat die fremde Frau aus dem Büro zwischen den Bäumen hervor. Kiki war eingekreist. Sie rannte in Richtung Schloss. Die Frau folgte ihr, während der Mann mit der Zeitung von der anderen Seite kam. Kiki nahm die Treppe zum Eingang, wechselte abrupt die Richtung und sprang über eine niedrige Absperrung. Ihre Schulter streifte einen Pfosten. „Bleiben Sie stehen!“, rief die Frau. „Schlechtes Verkaufsargument!“ Kiki erreichte eine Gruppe von Radfahrern. Einer stellte gerade sein Rad ab. Sie zog den Mann hinter einen Informationskasten. „Sie können doch nicht einfach—“ Kiki drückte ihm ihre Handtasche in die Arme. „Fünfhundert Euro, wenn Sie mir Ihr Fahrrad für eine Stunde leihen.“ „Da sind höchstens fünfzig drin.“ „Dann fünfzig und eine sehr spannende Geschichte.“ Er zögerte. Kiki nahm das als Zustimmung, schwang sich auf das Rad und trat in die Pedale. Die Verfolger konnten zu Fuß nicht mithalten. Doch als Kiki den Schlossplatz verließ, tauchte der schwarze Wagen wieder auf. Er schoss aus einer Seitenstraße und zwang sie auf den Gehweg. Kiki raste zwischen Pollern hindurch. Der Wagen musste abbremsen. Sie fuhr durch den westlichen Teil der Innenstadt, nahm enge Durchgänge und wechselte mehrfach die Richtung. Ihre Ortskenntnisse verschafften ihr Abstand, aber ihr Knie schmerzte inzwischen heftig. Unter einer Unterführung sprang plötzlich Lukas hinter einer Betonstütze hervor. „Vom Rad!“ Kiki bremste. Lukas zog sie in einen Wartungszugang und schloss ein Metalltor hinter ihnen. Der schwarze Wagen fuhr vorbei. „Du warst nicht am Schloss“, sagte Kiki. „Meine Dienstkennung wurde benutzt, um das Treffen intern anzumelden. Jemand wusste davon, bevor ich losgefahren bin.“ „B-17?“ Lukas’ Gesicht veränderte sich. „Das ist eine Berechtigungsstufe für externe Krisenpartner“, sagte er. „Nur wenige Firmen und Behördenkontakte besitzen sie.“ Er hielt ihr ein kleines Diagnosegerät hin. Kiki legte das Telefon daneben. Nach einigen Sekunden erschien eine Liste verborgener Verbindungen. „Sie orten nicht dein Telefon“, sagte Lukas. „Sie orten die Datenkopie. Der Datensatz sendet bei jeder Netzverbindung eine Kennung.“ „Kannst du sie entfernen?“ „Nicht ohne die Verschlüsselung zu beschädigen.“ Lukas vergrößerte einen Eintrag. Eine digitale Signatur war sichtbar. Vektor Systems – Regional Solutions. „Die Firma wartet Teile der Verkehrsinfrastruktur“, erklärte er. „Anzeigetafeln, Störungsmeldungen, Schnittstellen zu Leitstellen. Wenn jemand dort Zugänge missbraucht, könnte er falsche Warnungen verbreiten und Systeme gezielt abschalten.“ Kiki dachte an den Countdown. „Was passiert, wenn er null erreicht?“ „Im besten Fall nichts.“ „Und im schlechten?“ „Straßensperren, falsche Umleitungen, ausgefallene Fahrgastinformationen, überlastete Notrufzentralen. Genug Chaos, um eine ganze Region für Stunden lahmzulegen.“ Lukas’ Diensttelefon klingelte. Er las die Nachricht und erbleichte. „Der Leiter unserer Krisenkoordination verlangt, dass ich dich sofort übergebe.“ „Wer ist der Leiter?“ „Tobias Brandt.“ Kiki sah auf die Warnung in ihrem Telefon. Kennung B-17. Draußen quietschten Reifen. Lukas öffnete einen Hinterausgang. „Wir müssen nach Pforzheim.“ „Kennst du Dr. Aylin Demir?“ „Nein“, sagte Lukas. „Aber irgendjemand hat gerade einen behördeninternen Fahndungshinweis auf dich gesetzt. Darin steht, du hättest sensible Daten gestohlen.“ Kiki blickte auf die Straße, auf der zwei dunkle Fahrzeuge hielten. „Dann sollten wir verschwinden, bevor die Geschichte offiziell wird.“

Kapitel 4

Die Spur nach Pforzheim - Action

Von Holger Lemke, veröffentlicht am 19.07.2026

Sie nahmen nicht die Autobahn. Lukas fuhr einen alten Kleinwagen, dessen Beifahrertür nur aufging, wenn man gleichzeitig den Griff zog und mit der Schulter dagegenstieß. Für Kiki war er das schönste Fahrzeug, das sie je gesehen hatte. Sie verließen Karlsruhe über Nebenstraßen. Das Mobiltelefon lag ausgeschaltet in einer metallbeschichteten Werkzeugtasche. Lukas hatte behauptet, sie schirme Signale ab. Kiki hatte ihn gefragt, warum er so etwas im Auto besitze. „Berufliche Vorsicht.“ „Du hast auch drei Feuerlöscher im Kofferraum.“ „Berufliche Begeisterung.“ In Pforzheim fuhren sie zunächst durch die Innenstadt und dann weiter in Richtung Enzkreis. Die Adresse aus den verschlüsselten Daten führte zu einer ehemaligen Werkstatt am Rand eines kleinen Gewerbegebiets. Zwischen Lagerhallen und bewaldeten Hängen wirkte der Ort verlassen. Kiki klopfte dreimal. Nichts geschah. Lukas betrachtete die Überwachungskamera über der Tür. „Sie läuft.“ Kiki hob das Telefon in der Werkzeugtasche hoch. „Wir haben eine Nachricht von Lena Kern.“ Die Tür öffnete sich einen Spalt. Eine Frau Anfang dreißig blickte heraus. Dunkle Locken, müde Augen, Schraubenzieher in der rechten Hand. „Wo ist Lena?“ „Das wollten wir Sie fragen“, sagte Kiki. Dr. Aylin Demir ließ sie hinein. Die Werkstatt war kein gewöhnlicher Betrieb. Zwischen Werkbänken standen Computer, Messgeräte und zerlegte Anzeigetafeln. Auf einem Tisch lag ein Modell des regionalen Verkehrsnetzes. Kleine Lampen markierten Knotenpunkte zwischen Karlsruhe, Pforzheim, Böblingen und Ludwigsburg. Aylin schloss die Tür und nahm Kikis Telefon entgegen. „Lena Kern war Systemarchitektin bei Vektor Systems“, erklärte sie. „Wir haben gemeinsam studiert. Vor drei Wochen kontaktierte sie mich. Sie glaubte, dass jemand die Wartungssoftware verändert hatte.“ „Warum ging sie nicht zur Polizei?“, fragte Kiki. „Das tat sie. Kurz danach wurde ihre Sicherheitsfreigabe gesperrt. Man beschuldigte sie, vertrauliche Daten kopiert zu haben. Seit vier Tagen ist sie verschwunden.“ Aylin verband das Telefon mit einem isolierten Rechner. Zeichenkolonnen liefen über den Bildschirm. „Der Datensatz ist an die Regiosucher-App angepasst“, sagte sie. „Lena wusste offenbar, dass eure Plattform Orte, Karten und Mediendateien offline speichert. Sie hat den Plan als fehlerhaften Regionaleintrag getarnt.“ „Warum ausgerechnet ich?“ „Die Datei war nicht an deinen Namen gebunden. Sie sollte auf dem ersten Gerät landen, das den Eintrag vollständig öffnet.“ „Das ist beruhigend“, sagte Kiki. „Ich wurde also zufällig gejagt.“ Aylin entschlüsselte den ersten Teil. Auf dem Bildschirm erschien eine schematische Darstellung. Das Atlas-Protokoll war kein einzelner Schadcode. Es war ein vorbereiteter Missbrauch bereits vorhandener Wartungszugänge. Die Täter wollten mehrere regionale Systeme gleichzeitig mit widersprüchlichen Informationen versorgen: angebliche Gefahrstoffunfälle, gesperrte Straßen, ausgefallene Bahnhöfe und falsche Evakuierungshinweise. „Die Technik allein verursacht noch keine Katastrophe“, sagte Aylin. „Aber Menschen reagieren auf Warnungen. Wenn Tausende gleichzeitig ausweichen, entstehen Staus. Leitstellen erhalten unzählige Anrufe. Echte Meldungen gehen unter.“ Lukas zeigte auf einen markierten Bereich. „Hier. Der Angriff wird von einem mobilen Kontrollserver freigegeben.“ Aylin nickte. „Ein speziell gesicherter Rechner. Er besitzt gültige Wartungsnachweise und bestätigt die manipulierten Befehle als autorisierte Maßnahmen.“ „Wo ist er?“, fragte Kiki. Ein weiterer Datenblock öffnete sich. Transportfenster: 18:30–21:00 Uhr. Übergabe Flugfeld Böblingen. Der Countdown zeigte noch etwas mehr als fünf Stunden. Plötzlich erlosch eine Lampe über der Tür. Aylin blickte zur Kameraanzeige. Das Bild war eingefroren. „Wir wurden gefunden.“ Ein dumpfer Schlag traf das Rolltor. Dann ein zweiter. Lukas zog Kiki hinter eine Werkbank. „Gibt es einen Hinterausgang?“ „Durch den Lagerraum.“ Sie liefen los. Das Rolltor bog sich nach innen. Metall kreischte. Im Lagerraum führte eine Tür ins Freie. Aylin öffnete sie – und sprang sofort zurück. Draußen stand ein Mann in dunkler Jacke. Er griff nach ihr. Aylin schlug die Tür zu, doch sein Arm blieb dazwischen. Kiki packte einen Eimer mit Schrauben und schüttete ihn durch den Spalt. Der Mann wich instinktiv zurück. Aylin rammte die Tür zu und verriegelte sie. „Das war dein Plan?“, fragte Lukas. „Es waren viele Schrauben.“ Das Rolltor brach auf. Kiki sah sich um. An der Rückwand stand eine fahrbare Hebebühne. Darüber verlief eine alte Wartungsschiene bis zu einem oberen Fenster. „Können wir da hinaus?“ Aylin folgte ihrem Blick. „Wenn die Bühne noch funktioniert.“ Sie drückte den Schalter. Der Motor ruckelte, dann hob sich die Plattform. Alle drei drängten sich darauf. Unten stürmten zwei Personen in die Halle. Einer griff nach der Steuerung. Kiki zog das lose Kabel aus dem Bedienkasten. Die Bühne blieb knapp unter dem Fenster stehen. „Das war zu früh“, sagte Lukas. „Ich weiß.“ Sie mussten den Rest klettern. Lukas stützte Kiki, Kiki zog Aylin nach oben. Ein Verfolger sprang auf die Plattform und bekam Lukas am Schuh zu fassen. Lukas trat sich los, verlor das Gleichgewicht und schlug mit der Hüfte gegen den Rahmen. Aylin und Kiki zogen ihn durch das Fenster. Auf der anderen Seite fiel das Dach steil zu einem Carport ab. Sie rutschten über nasse Ziegel. Kiki konnte nicht bremsen, schoss über die Kante und landete auf dem Dach eines Lieferwagens. Die Luft wurde ihr aus den Lungen gepresst. Aylin sprang neben sie. Lukas kam langsamer hinterher. Der Schlüssel steckte im Lieferwagen. „Ist das Ihrer?“, keuchte Kiki. „Nein.“ „Dann entschuldigen wir uns später.“ Aylin setzte sich ans Steuer. Der Motor startete. Zwei Verfolger kamen aus dem Gebäude, während der Wagen über den Hof raste. Am Tor stand der schwarze Wagen quer. „Wir kommen nicht vorbei!“, rief Lukas. Kiki blickte auf die aufgestapelten Kunststoffrohre neben dem Zaun. „Fahr auf die Rohre zu.“ „Warum?“ „Weil ich gerade keinen besseren Vorschlag habe!“ Aylin steuerte dicht an den Stapel heran. Kiki öffnete im Vorbeifahren die Schiebetür und zog an einem Sicherungsgurt. Die Rohre lösten sich. Dutzende Rollen polterten auf den Hof und verteilten sich vor dem schwarzen Wagen. Dessen Fahrer bremste scharf. Das Fahrzeug rutschte seitlich und blockierte die eigene Zufahrt. Der Lieferwagen brach durch eine leichte Schranke und erreichte die Straße. Erst einige Kilometer später hielten sie an. Lukas konnte kaum auftreten. Aylin verband seine Hüfte notdürftig. Kiki betrachtete das Telefon. Bei der Flucht war das Display gesprungen. „Bitte sag mir, dass die Daten noch da sind.“ Aylin prüfte das Gerät. „Die Kopie ist vollständig.“ Eine neue Datei war entschlüsselt worden. Sie enthielt einen Namen: Einsatzfreigabe: Tobias Brandt. Lukas lehnte den Kopf gegen die Fahrzeugwand. „Brandt koordiniert die Reaktion auf regionale Großstörungen. Wenn er beteiligt ist, kontrolliert er nicht nur den Angriff.“ Kiki verstand. „Er kontrolliert auch alle, die ihn stoppen könnten.“

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Wettlauf durch den Landkreis Böblingen - Action

Action

Holger Lemke · 19.07.2026
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